Emil Bischofberger
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Autor
06.03.2026
Franco Marvulli: Immer noch recht stark, wenn auch etwas weniger, seit wir Kinder haben. Letztlich gehört das Velo zu mir wie das Atmen. Ein Leben ohne ergibt für mich keinen Sinn.
Doch, in meinen letzten Jahren als Profi. Am liebsten hätte ich auf die Abschiedssaison verzichtet. In den zwei Jahren nach dem Rücktritt sass ich nur aufs Velo, wenn ich musste. Ich dachte, dass ich Velofahren hassen würde. Dabei hasste ich nur das, was der Radsport mit sich brachte: den Leistungsdruck.
Vor acht Jahren sagte ich eines Tages: Mein grösster Wunsch wäre es, einfach Velo zu fahren, so langsam und so lange, wie ich will. Innert 48 Stunden bestellte ich ein Velo, buchte einen Flug nach Johannesburg und den Rückflug ab Kapstadt. Dazwischen liegen – Luftlinie – rund 1500 Kilometer. Ich bin dann über Umwege 3000 Kilometer durch den südlichen Teil Afrikas gefahren.
Heute sage ich: Velofahren ist geil. Für mich steht nun das Fortbewegen, das Erleben im Zentrum. Du fährst durch Landschaften, wo du sonst nie hinkämest. Ich habe gemerkt: Wenn ich auf dem Velo bin, bin ich glücklich.
Bei der ersten ging es darum, die Wertschätzung fürs Velofahren wiederzufinden. Beim zweiten Mal um das Aushalten von Monotonie, ich mit mir alleine, einen Monat lang. Jede meiner Reisen hat auch eine therapeutische Wirkung, einen tieferen Sinn.
Weil ich nicht Nein sagen kann. Es fragten mich zu viele Leute an. Und das Reisen miteinander ist schon cool, am Abend zusammenzusitzen, das Schöne zu teilen und das Schlechte abzufedern.
Ich könnte ein Geschäft daraus machen, das will ich aber nicht. Es sind nicht immer die gleichen, ich versuche, verschiedene Typen zuammenzuwürfeln. Bislang habe ich noch
nie ein Problem gehabt, alle wollen immer wiederkommen.
Wir fahren im Februar drei Wochen lang durch Indien. Respekt habe ich dabei nur von einem Faktor: Dass meine Verdauung mitmacht.
Ich kann mal 20 Tage am Stück Velofahren, dann ein paar Woche gar nicht – aus Arbeits- und Familiengründen. Aber am liebsten würde ich täglich Velo fahren.
Etwa zehnmal pro Jahr, meistens mit Kunden. Das fühlt sich immer noch an wie ein Heimkommen, obwohl seit dem Rücktritt zwölf Jahre vergangen sind. Nur, dass ich heute nicht mehr schnell fahre, auch wenn Teilnehmer das gerne hätten. Sich richtig auszukotzen, das reizt mich nicht mehr. Ich bin nicht mehr der Rennvelofahrer, mein Puls geht selten über 140.
Velofahren ist schön, wenn du eine gewisse Fitness hast, dass du merkst: Die Beine trampen von alleine, nicht dass du ihnen sagen musst, sie sollen drehen. Dann fühlt es sich bergauf an, als wäre man auf einer Rolltreppe. Am liebsten bin ich in der Natur unterwegs, mit dem Gravelbike.
Ich glaube, die Mischung macht mich aus. Ich fing an zu moderieren, weil ich angefragt wurde. Wer mich cool findet, bucht mich, wer nicht, der nicht. Ich könnte im Moderieren
erfolgreicher sein, wenn ich mehr Ehrgeiz an den Tag legen würde. Aber ich will da nicht Weltmeister werden, sondern einfach Franco sein. Ich mag nicht ellbögeln. Das hatte ich im
Velofahren genug.
Ich wurde vor ein paar Jahren von Twerenbold angefragt, ob ich ihre 125-Jahr-Jubiläumsreise begleiten würde, eine Schiffsreise mit E-Bikes auf der Rhône. Ich war da gut 40 und dachte: «Verdammt, ich bin doch zu jung dafür!» Aber ich war doch «gwundrig» und sagte zu. Relativ schnell merkte ich, dass wir ähnlich dachten. Vom Markenbotschafter bin ich zum Berater und Reise-Mitentwickler geworden. Letztlich erhalte ich eine Chance, etwas zu machen, was ich cool finde: Velo fahren, verbunden mit Reisen und Kultur.
Kontakt zu Menschen aufzunehmen, musste ich nicht lernen. Dazu kommt, dass die Gäste meine Leistungen von einst noch wertschätzen, weil sie sich daran erinnern können.
Ich darf wünschen! Ich habe Stammkunden, die fragen jedes Jahr, wo ich das nächste Mal dabei sein werde. Heuer etwa bin ich auf Sizilien, im Pustertal, in Dänemark und Südschweden, von Paris in die Normandie – und dann ist es erst Mitte Juli!
Ich habe immer zwei Velos dabei: Ein E-Velo und ein normales. Eigentlich herrscht bei Twerenbold ja E-Bike-Pflicht, weil es E-Bike-Touren sind. Wenn es aber niemanden stört, dass ich mein normales Velo fahre, nehme ich das. Die Gäste erwarten das auch ein wenig. Sie sagen: «Aber du fährst doch kein E-Bike, Franco.»
Das ist völlig okay. E-Gravel ist für Leute, die sich noch zu jung fühlen, um sich auf ein City-E-Bike zu setzen, aber sich zu alt für ein normales fühlen. Am Schluss möchte ich, dass alle ein cooles Abenteuer erleben.
Ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht einmal eine meiner Abenteuerreisen anbieten würde. Nun bewegen wir uns auf diesen Pfaden, von Triest nach Tirana, in zwölf Tagen durch sechs Länder. Solche Angebote, mit dem Abenteuerfaktor, würde ich gerne weiter ausbauen. Vielleicht heisst dann irgendwann eine Reise: Mit Marvulli um die Welt.

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