Laurens van Rooijen
,
Redaktor
(lvr@cyclinfo.ch)
Hintergrund,
23.01.2026
Volle Lager bei Importeuren wie Fachhändlern und die nach wie vor verhaltene Nachfrage in Kernmärkten wie Europa und den Vereinigten Staaten bereiten den Produzenten in Fernost nach wie vor Kopfzerbrechen – und das im Grunde seit dem Sommer 2022. Im Anschluss an die Taichung Bike Week ergab sich für mich die Möglichkeit, acht verschiedene Betriebe in Taiwan zu besuchen, darunter Rahmenproduzenten, Hersteller von Federgabeln und elektrischen Hilfsantrieben sowie Spezialisten für Schmiede- und Fräsarbeiten. All diese Unternehmen sind Teil der globalen Lieferketten und bekommen somit Schwankungen bei der Nachfrage zu spüren.
So viel vorweg: Keine der besuchten Fabriken lief im September 2025 auf voller Kapazität. Die Anfang April angekündigten und Ende Juli in Kraft gesetzten US-Importzölle haben die zaghafte Erholung bereits wieder ausgebremst. Immerhin verfügen die meisten taiwanesischen Unternehmen auch über Fabriken in China und Vietnam – und können die Produktionsorte daher entsprechend anpassen, um Mehrkosten zu minimieren. Während die Chiphersteller Taiwans Umsatzrekorde notieren, steckt die metallverarbeitende Industrie in einer Krise: Arbeitskräfte sind Mangelware, und das gilt wegen nach wie vor voller Lager und verhaltener Nachfrage auch für neue Aufträge.

Die Konkurrenz durch Produktionsstandorte wie China, Vietnam und Kambodscha kompliziert die Lage weiter. Zudem drücken schwankende Wechselkurse auf die Margen: Der US-Dollar dient nach wie vor als Leitwährung in der Veloindustrie, und dessen Kurs sackte zwischenzeitlich auf bis zu 28 Taiwan-Dollar für einen US-Dollar ab. Ideal wäre ein Wechselkurs von 31 bis 32 Taiwan-Dollar für einen US-Dollar. Einzelne Unternehmen in Taiwan klären darum bereits ab, ob sie in absehbarer Zeit ihre Kalkulation auf den Euro umstellen können. Dieser hat in den vergangenen Jahren zwar auch an Wert verloren, aber der Wechselkurs weist weniger kurzfristige Fluktuationen auf.

Ein möglicher Ausweg aus der Bredouille lautet Diversifizierung: Wer auch für andere Branchen fertigt, kann einen Teil der Ausfälle im Velosegment verkraften. Das reicht von Kayak-Paddeln und Bauteilen für Drohnen aus Carbon bis zur Fertigung von Rahmen für stationäre Hometrainer. Als Folge der US-Strafzölle verlagern zudem manche Marken ihren Fokus von Nordamerika nach Europa. Ein Beispiel dafür ist Praxis Works als Anbieter von Kurbeln, Kettenblättern und Pedalen. Die Büros dieser Marke befinden sich in Kalifornien, aber produziert wird in Taiwan. Generell gilt: Wer vor allem als Zulieferer auf dem Erstausrüstungsmarkt aktiv ist, ist von den Strafzöllen weniger betroffen.
Wegen mangelnder Aufträge infolge der US-Strafzölle haben viele Unternehmen zudem die Anzahl der Werktage zeitlich begrenzt auf drei pro Woche reduziert. In solchen Fällen kompensiert der Staat im Rahmen von «Paid Furlough»-Programmen den Grossteil des Lohnausfalls. Zudem dienen Kontraktarbeiter aus Südostasien als Konjunkturpuffer, weil der Kündigungsschutz bei ihnen im Gegensatz zu taiwanesischen Angestellten weit weniger stark ist. Ihr prekärer Status kann aber auch zu mehr als nur einem Imageproblem werden, wie die Ende September verkündeten, gegen die Giant Group gerichtete Massnahmen der US-Zollbehörde CBP zeigen.

Zu (un-)guter Letzt verlieren viele Fabriken in Taiwan Angestellte an die boomende Tech-Industrie. Denn diese zahlt bessere Löhne und dazu noch satte Jahresend-Boni. An der durch den KI-Boom los getretenen Goldgräber-Stimmung wollen viele Teil haben. Dies stellt die Unternehmen vor ein weiteres Problem: In Erwartung eines Aufschwungs müssen sie nicht nur von den Reserven zehren und durchhalten. Wenn sich die Auftragsbücher wieder füllen, müssen sie auch über das nötige Personal verfügen. Denn selbst bei Taiwans oft hohem Automatisierungsgrad gilt: Ohni Lüüt gaht nüüt.

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